Vom 6. bis 8. November 2025 fand in Berlin das Bundestreffen der von Armut betroffenen Menschen der Nationalen Armutskonferenz (NAK) statt. Für die Saarländische Armutskonferenz e.V. (SAK) nahmen der 2. Vorsitzende Christoph Jacob sowie Irene Portugal, Referentin für Armutsbetroffene, an der Veranstaltung teil.

„Es war eine gute Gelegenheit zu sehen, wie betroffene Menschen sich treffen und gemeinsam über verschiedene Fragen sprechen und sich austauschen können“, erklärte Christoph Jacob. Besonders erfreulich sei für ihn gewesen, mit vielen Betroffenen aus ganz Deutschland ins Gespräch zu kommen. Dabei habe sich gezeigt, dass die Probleme, die im Saarland sichtbar sind, bundesweit auftreten – von fehlendem Wohnraum bis hin zu Repressalien in Jobcentern.
Im Rahmen des Treffens stellten die Veranstalter die Studie „Wie geht es Menschen mit Bürgergeldbezug?“ vor. In der anschließenden Diskussion wurden bundesweite Erfahrungen zusammengetragen. Dabei wurde deutlich, dass die Digitalisierung der Jobcenter über Apps vielerorts als Problem wahrgenommen wird, da nicht alle Betroffenen über ein Smartphone verfügen oder dieses regelmäßig mit Strom versorgen können. Auch die geplante Abschaffung der Schecks durch die Jobcenter stößt auf große Kritik, da es bislang nicht gelungen ist, allen Menschen ein eigenes Konto zur Verfügung zu stellen.
Zudem wurde festgestellt, dass die Kosten der Unterkunft (KdU) bundesweit häufig nicht mehr ausreichen und Betroffene gezwungen sind, Mittel aus dem Regelsatz für die Miete zu verwenden. Sollte es zu weiteren Verschärfungen kommen, droht die Wohnungslosigkeit in Deutschland weiter anzusteigen.
Ein weiteres Thema der Diskussion war die inklusive Gesundheitspolitik. Besonders beeindruckt zeigte sich Irene Portugall vom unkomplizierten Einsatz mobiler Arztpraxen, die bereits in mehreren Bundesländern erfolgreich etabliert sind und auch für das Saarland – insbesondere im ländlichen Raum – ein nachahmenswertes Modell darstellen könnten.
In einem Podiumsgespräch betonte Irene Portugall die wachsende Bedeutung des Schutzes der queeren Community und machte zugleich auf die zunehmende Armut innerhalb dieser aufmerksam.
Im direkten Austausch stellten sich die Bundestagsabgeordneten Timon Dzienus (Bündnis 90/Die Grünen) und Dr. Ottilie Paola Klein (CDU) den Fragen der Teilnehmenden. Dabei wurde kritisiert, dass der politische Umgangston gegenüber Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind – etwa Arme oder Arbeitslose – zunehmend repressiver wird und die Menschenwürde immer stärker unter Druck gerät. In der öffentlichen Wahrnehmung entstehe zudem das Bild, Betroffene seien selbst für ihre Lage verantwortlich und lediglich „Almosenempfänger“. Dass politische Entscheidungen diese Situationen oftmals erst hervorrufen, werde hingegen ausgeblendet.
Christoph Jacob warnte: „Das Politik nicht bereit ist notwendige Kontrollen in den Steuersystemen zu installieren und daher hunderte Milliarden an Steuern verschenkt, die in der Solidarität vieles erleichtern könnten, zeigt, wie Politik von Lobby abhängig geworden ist“.
Im Gespräch mit Betroffenen zeigte sich Irene Portugall beeindruckt von deren Sachkompetenz und Solidarität. Viele schilderten traumatische Lebenswege, die sie in die Bedürftigkeit führten, verbunden mit dem klaren Wunsch nach Arbeit statt Grundsicherung: Soziale Teilhabe und Würde seien ihnen genauso wichtig wie Geld. Das von der Diakonie bereitgestellte Essen wurde dankbar angenommen. Eine ältere Frau bedankte sich mit den Worten: „Was für wunderbarer Kuchen, so viele Sorten – ich habe so selten Kuchen.“ Besonders bewegten Portugall die Berichte über die steigende Zahl obdachloser Frauen und deren Erfahrungen mit Gewalt. Ihre Bewunderung gilt jenen, die sich von Drogen und Prostitution abwandten und heute ehrenamtlich tätig sind. Sie bezeichnete sie als „unendlich starke Menschen.“ Auch die Bürokratie war Thema in vielen Gesprächen. Eine jüngere Frau formulierte: „Der Gang zur Behörde sollte so einfach sein wie zum Friseur zu gehen.“ Nachhaltig blieb Irene Portugall das Engagement eines jungen Mannes gegen Kinder- und Jugendarmut im Gedächtnis. Er erklärte: „Ich werde für immer der Stachel in eurem Fleisch sein.“

Die saarländische Delegation überreichte darüber hinaus ein Präsent aus dem Saarland. Christoph Jacob übergab dem Organisator des Treffens, Michael Stiefel, die vom Sozialministerium herausgegebene Broschüre „Wegweiser bei Obdachlosigkeit im Saarland (Winter 2025/2026)“. Die Broschüre ist in einfacher Sprache verfasst, mehrsprachig aufgelegt und wird in Einrichtungen, Beratungsstellen und Notschlafstellen verteilt. Sie enthält eine Übersicht über regionale Anlaufstellen in den Landkreisen und im Regionalverband, darunter Notschlafstellen, Beratungsangebote, Kältehilfen, Versorgungsstellen, Sozialkaufhäuser, Streetwork-Projekte sowie Orte, an denen Betroffene ihre Kleidung waschen können.
Weitere Informationen zur NAK hier: https://www.nationale-armutskonferenz.de/
Autor: Michael Leinenbach / Sven Mohr
Fotos: Irene Portuall





