Die Saarländische Armutskonferenz (SAK) hat im Rahmen ihres SAK-Forums das Thema „Sozialberatung“ in den Mittelpunkt gestellt und die Frage diskutiert, wohin sich diese entwickelt. Ende März 2026 kamen dazu Experten zusammen, um über die drängenden Herausforderungen der sozialen Unterstützungssysteme zu beraten. Unter der Moderation des SAK-Vorsitzenden Michael Leinenbach diskutierten Jutta Anton-Wachall (Abteilungsleiterin Familienunterstützende Dienste und Beratung), Matthias Tonnellier (Sozialarbeiter) sowie Anja Feltes (Sozialarbeiterin beim Caritasverband für Saarbrücken und Umgebung) die aktuelle Lage. Das Thema ging ursprünglich aus Impulsen der SAK-Mitgliederversammlung Ende 2025 hervor. 
Ein zentraler Schwerpunkt der Debatte war die besorgniserregende Zunahme von Stromsperren im Saarland. Im Jahr 2024 wurden über 3.600 Sperren verzeichnet, was eine Steigerung von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet (Quelle: https://www.sr.de/sr/home/nachrichten/politik_wirtschaft/mehr_stromsperren_2024_im_saarland_100.html). Während 466 betroffene Haushalte Hilfe bei der Verbraucherzentrale suchten, zeigt die Diskussion eine erhebliche statistische Lücke auf: Die umfassenden Beratungsleistungen der Caritas sowie anderer Wohlfahrtsverbände wie der Diakonie sind in diesen offiziellen Zahlen nicht enthalten. Das Forum kam zu dem Schluss, dass die Beratungsleistungen der Wohlfahrtsverbände statistisch unterrepräsentiert sind und dringend sichtbarer gemacht werden müssen, um die tatsächliche soziale Notlage im Land realistisch abzubilden.
Die steigende Belastung der Beratungsstellen verdeutlichten die Fachkräfte anhand der Zahlen des Caritasverbandes Saarbrücken. Wurden im Jahr 2023 noch 517 Beratungen zur finanziellen Unterstützung durchgeführt, stieg diese Zahl im Jahr 2024 bereits auf 1.012 Fälle an. Dieser starke Anstieg bei weiterhin steigender Tendenz korrespondiert mit der Beobachtung, dass die Problemlagen der Ratsuchenden immer komplexer werden und über die bloße Antragstellung weit hinausgehen.
Darüber hinaus rückte das Forum die Frage in den Fokus, wie viele Menschen ihre sozialrechtlichen Ansprüche überhaupt geltend machen. Nach Einschätzung der Fachkräfte liegt die allgemeine Inanspruchnahme sozialer Leistungen lediglich bei rund 55 bis 60 Prozent der Anspruchsberechtigten. Besonders deutlich zeigt sich die Problematik im Bereich der Grundsicherung nach dem SGB XII, wo nur etwa 40 Prozent der Berechtigten tatsächlich einen Antrag stellen. Beim Bürgergeld (SGB II) wird die Quote mit etwa 60 bis 65 Prozent angegeben. Diese Zahlen verdeutlichen, dass ein erheblicher Teil der Menschen, die Anspruch auf staatliche Unterstützung hätten, diese aus unterschiedlichen Gründen nicht wahrnimmt.
Im Forum wurde zudem kritisch hervorgehoben, dass staatliche Stellen ihrer gesetzlichen Beratungspflicht zunehmend nicht mehr im erforderlichen Umfang nachkommen. Die Fachkräfte beschrieben einen schleichenden Rückzug der Behörden aus der Antragsberatung, der durch standardisierte und vereinheitlichte Verwaltungsprozesse begünstigt werde. In der Folge werde die Verantwortung faktisch auf freie Träger wie die Caritas, die Diakonie und weitere Wohlfahrtsverbände verlagert. Diese Entwicklung führe dazu, dass die freien Träger nicht nur mit komplexeren Problemlagen konfrontiert seien, sondern zusätzlich Aufgaben übernehmen müssten, die originär staatliche Pflichten darstellen. Aus Sicht des Plenums kann es nicht sein, dass staatliche Kernaufgaben ausgelagert und die Antragstellung für Betroffene dadurch noch bürokratischer und belastender wird.
Zum Abschluss der Veranstaltung formulierte das Plenum klare Forderungen für die Zukunft der Sozialberatung. Ein wesentlicher Punkt ist der Wunsch nach mehr finanziellen Mitteln für Projekte und Fachpersonal, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Zudem forderten sie einen menschenwürdigeren Umgang in der Beratungspraxis und mahnten an, dass politische Rahmenbedingungen stärker auf die soziale Realität und die Würde der Betroffenen ausgerichtet werden müssen. Es herrschte Konsens darüber, dass der Fokus der sozialen Arbeit wieder auf dem Menschen liegen müsse und nicht auf einer rein bürokratischen Fallbearbeitung.
Michael Leinenbach definierte die künftige Rolle der SAK als Interessenvertretung in zwei zentralen Aufgabenfeldern: zum einen in der Lobbyarbeit und politischen Interessenvertretung für Benachteiligte und zum anderen in der Förderung von Selbstorganisation und Selbstvertretung, um die gesellschaftliche Teilhabe nachhaltig zu ermöglichen.
Autor: Sven Mohr
Fotos: Sven Mohr / Dirk Merkel





