SAK-Talk mit klarer Botschaft: „Strukturelle Kindesgefährdung beenden – Vom Kind aus denken, nicht von der Struktur!“

Ende Juni 2026 widmete sich die Saarländische Armutskonferenz (SAK) im Rahmen ihres jüngsten SAK-Talks dem Thema „Kinderarmut und Schule“. Die Veranstaltung fand im Johannes Foyer in Saarbrücken statt und wurde von SAK-Vorsitzendem Michael Leinenbach moderiert. Auf dem Podium begrüßte er Christine Steimer (SAK-Vorständin), Annette Helfen (Konrektorin), Eva Schmitt-Vollmer (DBSH Landesverband Saar, vormals Schulsozialarbeit) sowie Denise Sier (Förderlehrerin). 

v.l.n.r.: Denise Sier, Anette Helfen, Eva Schmitt-Vollmer, Christine Steimer und Gesine Kleen. Foto: Michael Leinenbach

Der 17. Kinder- und Jugendbericht 2024 zeichnet ein ernüchterndes Bild der Lebensrealität junger Menschen in Deutschland: Er dokumentiert deutliche strukturelle Ungleichheiten und eine stark wachsende Armutsgefährdung. Laut Kinder- und Jugendhilfereport gilt als arm, wer über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügt – eine Definition, die auf einem EU-Ratsbeschluss von 1948 basiert.

Erschreckende Zahlen im Saarland

Die statistischen Befunde für das Saarland sind alarmierend. Während die Zahl der Minderjährigen im Bezug von Existenzsicherungsleistungen zwischen 2006 und 2021 um 1,7 Prozent stieg, waren 2021 bereits 21,3 Prozent der unter 18-Jährigen von Armut bedroht. Besonders dramatisch ist die Lage in Alleinerziehendenhaushalten, in denen das Armutsrisiko bei 59,6 Prozent liegt.

Christine Steimer ergänzte diese Daten durch regionale Befunde: Im Saarland beziehen durchschnittlich 17 Prozent der Kinder Leistungen nach SGB II – deutlich mehr als der Bundesdurchschnitt von 12,3 Prozent. In Städten wie Saarbrücken und Völklingen ist sogar fast jedes dritte Kind betroffen.

„Kinderarmut ist Elternarmut“ – Das Versagen der Strukturen

Christine Steimer brachte es im SAK-Talk klar auf den Punkt: „Kein Kind wird arm geboren. Arm ist immer die Familie. Kinderarmut ist Elternarmut.“

Die Hoffnung auf eine umfassende Kindergrundsicherung sei „sang- und klanglos beerdigt“ worden. Stattdessen würden Familien in einem bürokratischen Dschungel zurückgelassen. Der Zugang zu Leistungen für Bildung und Teilhabe erfordere teils bis zu 80 Seiten Antragsunterlagen. Entsprechend nutzen nur 35 bis 40 Prozent der anspruchsberechtigten Familien diese Leistungen – häufig aus Scham, Unwissenheit oder wegen unüberwindbarer Hürden.

Die Podiumsgäste bestätigten diese Erfahrungen aus ihrem Berufsalltag: Fachpersonal müsse gebündelt werden, um Familien durch die komplexen Verfahren zu begleiten. Schulen müssten zunächst Anträge verteilen, Institutionen diese weiterbearbeiten und anschließend wieder an die Familien zurückgeben – ein Kreislauf, der viele überfordert. Hinzu kämen sprachliche Barrieren und schwer verständliche Formulierungen. Auf vielen Ebenen müssten Hindernisse abgebaut werden, um zeitliche, personelle und finanzielle Ressourcen freizusetzen.

Demokratie unter Druck

Die soziale Schieflage wirkt zunehmend auf das demokratische Miteinander. Laut der Studie „Junges Europa“ der TUI-Stiftung (2026) stimmen nur noch 35 Prozent der jungen Menschen der Demokratie zu; zugleich ist der Zukunftsoptimismus seit 2017 von 70 Prozent auf rund die Hälfte der Jugendlichen gesunken.
Michael Leinenbach betonte angesichts dieser Zahlen den dramatischen Vertrauensverlust junger Menschen gegenüber demokratischen Institutionen und warnte vor den Folgen dieses Rückgangs.

Vor diesem Hintergrund stellte Leinenbach eine kritische Frage: „Was erzeugen wir mit einer solchen Politik, wenn nur noch 35 Prozent der jungen Menschen eine Zustimmung zur Demokratie haben?“

Das einstimmige Fazit des SAK-Talks:

– Mehr Vertrauen als Misstrauen
– Entbürokratisierungen als zentrales Mittel
– Ausgrenzungs- und Diskriminierungsprozesse müssen vermieden werden
– Strukturelle Probleme bekämpfen
– Personalisierung
– Vom Kind aus denken – nicht von der Struktur – Lebensweltorientierung
– Schule als Sozialraum / Mittelpunkt des Ortes usw.
– Aktuelle Situation ist eine strukturelle Kindeswohlgefährdung
– Staat muss mehr zur Verantwortung gezogen werden. Die gesetzlichen Grundlagen sind vorhanden – werden jedoch nicht in ihrer Haltung berücksichtigt; teils gibt es Verstöße gegen diese Grundlagen.
– Zusammenhänge zwischen Armut und Gesundheit sind zentral

Teilhabe ermöglichen:

– Kostenlose Verpflegung für alle
– Kostenlose Bereitstellung von Medien, Büchern, Pads – Lernmittelfreiheit
– Kostenlose und garantierte Ganztagsbetreuung für alle
– Leistungen verstärkt als Sachleistungen bereitstellen – Verwaltungsvereinfachung
– Zusammenfassung von Leistungen für Kinder
– Einführung eines verpflichtenden Vorschuljahres zur Sicherung des sprachlichen Niveaus

Abschließende Frage an Politik und Gesellschaft: Wie haben wir alle es geschafft, jahrelang die Kinderarmut aufrechtzuerhalten?

Zum Abschluss stellte Eva Schmitt-Vollmer eine zentrale Frage, die als Mahnung über der gesamten Debatte steht: „Wie haben wir alle es geschafft, jahrelang die Kinderarmut so stabil aufrechtzuerhalten?“ Es sei an der Zeit, die bestehenden gesetzlichen Grundlagen zum Schutz des Kindeswohls konsequent anzuwenden und Rechte zu gewähren, statt Almosen zu verteilen.

Der SAK-Talk ist eine Kooperationsveranstaltung der Saarländischen Armutskonferenz (SAK) e.V., des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit (DBSH) e.V. Landesverband Saar, der Vereinigung der Profession Soziale Arbeit (VPSA) e.V., der Rosa Luxemburg Stiftung und der Peter Imandt Gesellschaft e.V.

Autoren: Sven Mohr / Michael Leinenbach
Fotos: Michael Leinenbach / Jasmin Kiefer 

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