Der schnelle Weg von Krankheit in die Armut – und der tägliche Kampf um gesellschaftliche Teilhabe

Unter dem Titel „SAK trifft Alex“ luden die Saarländische Armutskonferenz (SAK), die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Peter Imandt Gesellschaft e.V. sowie der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) Landesverband Saar zu einem Gesprächsabend ins Johannes-Foyer nach Saarbrücken ein. Im Mittelpunkt stand das Interview von Michael Leinenbach, Vorsitzender der SAK, mit der 53-jährigen Armutsaktivistin und Pazifistin Alex Embs. Die Veranstaltung verdeutlichte eindringlich, wie schnell eine gesundheitliche Krise in die Armutsfalle führt und vor welchen bürokratischen und sozialen Hürden Betroffene bei der alltäglichen Teilhabe stehen.

Vom Jobverlust direkt in den Teufelskreis der Armut

Alex Embs, die seit 20 Jahren aufgrund einer psychischen Erkrankung erwerbsgemindert berentet ist, schilderte ihren Lebensweg von einer Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin über Prekarität im Einzelhandel bis hin zum Zusammenbruch durch die unbezahlte Pflege ihrer Mutter. „Als ich krank geworden bin, hat sich mein Tag auf einmal nicht mehr an Arbeitszeiten orientiert, sondern an Terminen mit Psychotherapeuten, Ärztinnen, betreutem Wohnen. Dazu kommt dann noch die Bürokratie, die auch irgendwie erledigt werden muss“, berichtete Alex Embs.
Ihre Erwerbsminderungsrente liegt unter dem aktuellen Grundsicherungssatz, weshalb sie auf ergänzendes Wohngeld angewiesen ist und direkt in die Armutsfalle geriet. Ihr Fall illustriert den Teufelskreis: Krankheit führt zum Jobverlust, dieser mündet in Armut – und die Armut wiederum verstärkt die gesundheitliche Belastung.

Alltag in Armut: Bürokratie, Hürden und erschwerte Teilhabe

Weniger Geld bedeutet im Alltagsleben erhebliche Einschränkungen bei gesunder Ernährung, notwendigen Hilfsmitteln sowie verschlechterte Wohnbedingungen und mehr Stress. Zudem ist das Leben mit wenig Geld ein ständiger administrativer Kraftakt: Auf Wohngeldbescheide müssen Betroffene oft 9 bis 12 Monate warten. Hinzu kommen Barrieren im Gesundheitssystem sowie gesellschaftliche Stigmatisierung und Rechtfertigungsdruck.

Alex Embs brachte die Realität von Menschen in Armut im Interview prägnant auf den Punkt: „Es geht nicht darum, Menschen mit wenig Geld ein Luxusleben zu ermöglichen, sondern darum, dass auch Menschen am Rande der Gesellschaft ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben. Leben mit wenig Geld heißt nicht, den ganzen Tag vorm Fernseher abzuhängen. Leben mit wenig Geld ist ein stetiger Kampf. Angefangen bei diversen Anträgen, mit teilweise enorm langen Bearbeitungszeiten, dem Arrangieren mit wenig Geld, z.B. kostengünstig einkaufen, dem Finden von kostengünstigen Optionen, egal ob bei Medikamenten, Lebensmittel oder Freizeitaktivitäten. Und ja, dann sitzt man auch mal den ganzen Nachmittag auf dem Sofa vorm Fernseher, weil das einfach die günstigste Option ist. Und dann kommen noch Menschen dazu, die entweder durch eine Erkrankung in die Armutsfalle gerieten oder die durch ihre Armut krank wurden. Bei mir gab es irgendwann einen Punkt, an dem es einfach nicht mehr anders ging. Vieles was ich heute weiß, hätte ich da gerne schon gewusst. Vielleicht wäre mein Weg dann anders verlaufen. Und trotzdem ist es heute so, dass ich für viele Sachen mittlerweile ein unheimliches Fachwissen habe – nicht, weil ich das wollte, sondern weil ich musste, weil die Beratungs- und Informationsmöglichkeiten einfach nicht gegeben sind.“

Aktivismus und Kernforderung: „Redet mit uns und nicht über uns!“

Trotz aller alltäglichen Hindernisse engagiert sich Alex Embs heute in der Arbeitsgruppe der Menschen mit Armutserfahrung der Nationalen Armutskonferenz (NAK).

Auf die zentrale Frage von Michael Leinenbach (Vorsitzender der SAK): „Was möchtest Du uns als SAK mit auf den Weg geben?“ antwortete Alex Embs mit einem klaren Handlungsauftrag an Politik und Verbände: „Redet mit uns und nicht über uns. Holt vor allem die ab, die sich nicht wehren/sich helfen können. Z.B. eben Menschen mit psychischen Erkrankungen oder auch Menschen ohne festen Wohnsitz. Und helft dabei, dass Kindern, egal ob aus Haushalten mit oder ohne Geld, geholfen und unterstützt werden!“

Der SAK-Talk ist eine Kooperationsveranstaltung der Saarländischen Armutskonferenz (SAK) e.V., des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit (DBSH) e.V. Landesverband Saar, der Vereinigung der Profession Soziale Arbeit (VPSA) e.V., der Rosa Luxemburg Stiftung und der Peter Imandt Gesellschaft e.V.

Autor: Sven Mohr
Grafik: Veranstalter




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