
Unter dem Titel „Mutti, komma ans Fenster!“ stellte Ulrich Schneider, langjähriger Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, auf gemeinsame Einladung der Peter Imandt Gesellschaft / Rosa Luxemburg Stiftung und der Saarländischen Armutskonferenz (SAK) Mitte Oktober 2026, im Saarbrücker Johannes-Foyer sein neues Buch vor. Moderiert wurde die Veranstaltung von Michel Quetting, dem Ehrenvorsitzenden der Peter-Imandt-Gesellschaft.
Zahlreiche Gäste waren ins Johannes-Foyer gekommen, um die Vorstellung von Ulrich Schneiders Buch „Mutti, komma ans Fenster!“ zu verfolgen.
Zum Auftakt der Veranstaltung richteten Michael Leinenbach, Vorsitzender der Saarländischen Armutskonferenz, und Dr. Armin Kufer, stellvertretender Vorsitzender des Paritätischen Rheinland-Pfalz/Saarland, Grußworte an die Anwesenden sowie den Autor des Buches. Beide würdigten das langjährige sozialpolitische Engagement von Ulrich Schneider und hoben die Bedeutung seines veröffentlichten Buchwerks hervor.
Der Gang aufs Gymnasium: Die Entdeckung getrennter Lebenswelten
Schneider schilderte eindringlich die hermetische Abgrenzung der damaligen Arbeiterwelt. Selbst in den Großbetrieben des Ruhrgebiets gab es getrennte Kantinenbereiche für Arbeiter und Angestellte – Schnittmengen existierten praktisch nicht. Als Schneider als erstes Kind seiner Straße auf das altsprachliche Gymnasium wechselte, war dies der erste Schritt in eine völlig neue, fremde Welt. Beim Besuch von Mitschülern aus Bürgervillen mit Teppichen und Weinkellern wurde ihm schlagartig das Bewusstsein für die tiefen gesellschaftlichen Schichten und eine grundlegende Ungerechtigkeit bewusst.
Dass dieser Aufstieg gelang, verdankte Schneider dem bedingungslosen Vertrauen seiner Eltern. Sein Vater habe sich zwar nie um Schuldetails gekümmert, gestand seinem Sohn aber volle Rückendeckung ohne Kontrolle zu. Gleichzeitig profitierte Schneider von den politischen Rahmenbedingungen der 1960er- und 1970er-Jahre: Schüler-BAföG, auskömmliches BAföG, niedrige Mieten und die gezielte politische Ausrichtung, Arbeiterkinder zu fördern. Schneider betonte, dass der massive Sozialwohnungsbau und der Bildungsaufstieg damals durch eine echte staatliche Umverteilung – etwa über einen Spitzensteuersatz von bis zu 65–90 %, Vermögenssteuer und den Nachteilsausgleich – finanziert wurden.
Im Vergleich dazu sei Deutschland heute meilenweit hinter diese Standards zurückgefallen: Während man früher Lehrmittelfreiheit genoss, müssen Familien heute horrende Eigenanteile und Leihgebühren zahlen.
Die 1980er-Jahre und die Zäsur des Mauerfalls
Rückblickend beschrieb Schneider die 1980er-Jahre vor dem Mauerfall als eine Phase intensiver sozialpolitischer Aufbruchstimmung. Trotzt hoher Sozialhilfezahlen (3,1 Millionen Betroffene in der alten BRD) wurden zukunftsweisende Modelle wie das Bedingungslose Grundeinkommen, die Maschinensteuer oder die 35-Stunden-Woche ernsthaft diskutiert.
Mit dem überstürzten Mauerfall 1989 fielen diese Debatten schlagartig weg. Mit dem Slogan vom „Sieg des Kapitalismus“ wischte man Argumente für eine gemeinsame Verfassung, ein föderalistisches Reformmodell oder eine grundlegende Überarbeitung der Sozialsysteme vom Tisch. Um die Zuwanderung zu stoppen, folgten in drei schnellen Etappen die D-Mark-Einführung, die Währungs- und Wirtschaftsunion sowie die Sozialunion. Sieger dieser Entwicklung blieb ein zügelloser Neoliberalismus: Ein flächendeckender „Ausverkauf“ und die Privatisierung öffentlicher Infrastrukturen (Wohnungsbestände, Energie-, Wasser- und Postwesen) setzten ein.
Anfang der 1990er-Jahre wurde dieser Wandel auch kulturell vollzogen. Mit massiven Werbekampagnen (wie Prominenten-Aufrufen zum Aktienkauf an der Börse) und einer neuen Sprache wurde die Gesellschaft umgeprägt. Aus Fahrgästen im Zug oder Pflegebedürftigen wurden plötzlich überall „Kunden“. Kritiker dieser Entwicklung stempelte man als „Gutmenschen“ ab.
Schneider betonte, dass Armut immer ein Kampf- und Interessenbegriff um Verteilung sei, gegen den man Gesicht zeigen müsse.
Sisyphos als glücklicher Mensch
Trotz der nüchternen Bilanz – die Armutsquote stieg seit Schneiders Anfängen beim Paritätischen von 9 % auf heute 16–17 % – bleibt Schneider kämpferisch. Mit Verweis auf Albert Camus’ Philosophie von Sisyphos zog Ulrich Schneider sein persönliches Fazit. Man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen und erkennen, was gewesen wäre, wenn nicht gekämpft worden wäre. Jeder Tag biete eine neue Chance, den Kampf fortzusetzen, und zwar möglichst mit Freude daran.
Fazit und zentrale Handlungsappelle
Die Veranstaltung machte deutlich, dass die Errungenschaften des deutschen Sozialstaates kein historischer Selbstläufer waren, sondern auf einer aktiven Verteilungspolitik und starkem gesellschaftlichen Zusammenhalt fußten. Für die Gegenwart ergeben sich vier zentrale Appelle:
– Rückgewinnung der Sprachhoheit: Begriffe wie soziale Gerechtigkeit, Wohlfahrt und Solidarität müssen aktiv verteidigt und dem neoliberalen Framing entzogen werden.
– Stärkung der Umverteilung: Eine wirksame Armutsbekämpfung erfordert die Wiederbelebung von Instrumenten wie der Vermögensbesteuerung und gezielter Wohneigentums- und Mietförderung.
– Helfen ohne Beschämung: Unterstützung muss so gestaltet werden, dass sie den Stolz und die Würde der Menschen wahrt und niemanden herabsetzt.
– Politisches Lebensmotto: In Anlehnung an das Vermächtnis des Vaters schließt Dr. Ulrich Schneider mit dem Aufruf: „Jeder Tag hat eine neue Chance – Weiter kämpfen!“
Autor: Sven Mohr – SAK
Fotos: Michael Leinenbach / Jasmin Kiefer









